Das iPad als interaktives Whiteboard

Aug 5, 2017 00:00 · 1065 words · 5 minutes read Workflow

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Bereits vor einem Jahr habe ich mir vorgenommen, über meine Erfahrungen mit dem iPad Pro als interaktivem Whiteboard zu berichten. Gut, dass ich so lange gewartet habe, denn mit der neuen Generation hat die Hardwareseite einen großen Sprung gemacht.

Warum kein interaktives Whiteboard?

Die Idee des interaktiven Whiteboards ist nicht neu. Wir verstehen darunter in der Regel eine Einheit aus Tafel, Rechner mit spezieller Software und Projektionsgerät. Zentraler Vorteil gegenüber der klassischen Tafel ist die digitale Verarbeitung von Inhalten. Sie können von der Lehrkraft zu Hause vorbereitet, in der Schule mit der Lerngruppe bearbeitet und anschließend digital weiterverarbeitet werden.

Doch der anfänglichen Euphorie ist mittlerweile Ernüchterung gewichen:

  • Geschlossene Systeme: Wie manch andere Technik sind auch interaktive Whiteboards fehleranfällig. Da Rechner + Software + Board + Eingabegerät eine Einheit bilden, sind die Komponenten aufeinander abgestimmt und deshalb nur schwer austauschbar.

  • Qualität der Projektion: Auch wenn Beamer mittlerweile HD-Auflösung zu einem akzeptablen Preis bieten - die Projektionsfläche selbst ist meist so groß, dass die vor dem Board stehende Lehrkraft jedes einzelne Pixel erkennen kann. Die Arbeit an einer solchen Fläche ist entsprechend ermüdend. Neue Entwicklungen wie 4K-Beamer oder riesige Monitore mit Touch-Fähigkeit werden hier evtl. Abhilfe schaffen.

  • Qualität der Software: Jeder Hersteller entwickelt seine eigene Software. Zudem sind die Softwarelösungen meist wenig intuitiv. Versuche, mit einer unabhängigen Software Boards möglichst vieler Hersteller unter einen Hut zu bringen, klingen zwar vielversprechend, müssen sich aber auf einen kleinen gemeinsamen Nenner beschränken. Als Folge ist von dem Kauf von Einheiten unterschiedlicher Hersteller abzuraten.

  • Frontales Arbeiten: Unabhängig davon, ob die Lehrkraft oder ein Schüler das Board bedient - der gesamte Unterricht ist frontal auf das Board ausgerichtet. Die Lehrkraft hat zudem während der Arbeit am Board die Lerngruppe nicht im Blick.

Die genannten Gründe haben dafür gesorgt, dass der Hype um interaktive Whiteboard abgeebbt ist - wenngleich die Anschaffung dieser Geräte noch immer als Zeichen moderner Ausstattung gesehen wird (vgl. den kritischen Artikel von Jöran Muuss-Merholz).

Warum ein iPad Pro?

Auch wenn das interaktive Whiteboard sich als Geräteklasse nicht so recht durchsetzen konnte, so bleibt doch die Grundidee erhalten. Nach der Markteinführung von Tablets wurde deshalb versucht, diese Idee als Softwarelösung für Tablets in Kombination mit einer Stiftengabe umzusetzen.

In der Zwischenzeit hat Apple die zweite Generation des iPad Pro mit Apple Pencil als Eingabestift herausgebracht. Insbesondere das Gerät mit 10.5 Zoll Bildschirmdiagonale stellt einen hervorragenden Ersatz für ein interaktives Whiteboard dar:

  • Das Gerät selbst ist groß genug, um A4-Arbeitsblätter o.ä. gut lesbar darzustellen. Es ist aber auch klein und handlich genug, um zusätzlich zu Hause als Gerät für die Couch zu dienen. (Dieser Aspekt wird bei einem Gerät für die Schule meist vernachlässigt. Tatsächlich kann ich mit so einem Gerät aber nur dann in der Schule arbeiten, wenn ich es mir privat kaufe. Das wiederum setzt voraus, dass auch eine private Nutzung sinnvoll sein muss.)

  • Das Display selbst stellt die Schreibfläche dar. Die Schreibfläche kann also bearbeitet werden, ohne die Ausrichtung zu den Schülern zu verlieren.

  • Der Apple Pencil erlaubt ein sehr präzises Bearbeiten der Schreibfläche. Bei der neuen Gerätegeneration ist beim Schreiben keine zeitliche Verzögerung mehr feststellbar.

  • Es stehen diverse hervorragende Apps zur Verfügung, die ein Arbeiten mit dem iPad als interaktivem Whiteboard ermöglichen (z.B. GoodNotes, ExplainEverything oder Notability). Hier findet jeder seinen individuellen Favoriten.

  • In Kombination mit einem AppleTV kann ein angeschlossener Beamer von jedem Punkt im Raum mobil vom Lehrer oder einem Schüler angesteuert werden.

  • Da das iPad selbst mobil ist, kann es sogar in jedem Raum der Schule genutzt werden, sofern eine Projektionslösung (Kabelanschluss) oder noch besser eine drahtlose Projektionslösung (AppleTV) bereitsteht.

  • Alle Komponenten (iPad, AppleTV, Beamer) sind unabhängig voneinander und können jederzeit durch Geräte einer neueren Generation ersetzt werden.

Ein Erfahrungsbericht

Als Informatiklehrer wurde ich vor einigen Jahren gefragt, ob ich Interesse an einem interaktiven Whiteboard für meinen Fachraum habe. Eine benachbarte Bildungseinrichtung habe keine Verwendung mehr für ein Board eines namhaften Herstellers. Ich sagte natürlich sofort zu und probierte die Lösung mit Stifteingabe und zugehöriger Software aus. Leider ohne Erfolg. Hauptprobleme waren für mich die unzureichende Software in Kombination mit einer dürftigen Projektionsqualität. Die eigentliche Arbeit an der Tafel gab ich deshalb schnell auf.

Dennoch war ich mit dem Board nicht unglücklich. Ich projezierte meine Arbeitsblätter einfach per Beamer auf das Board und beschrieb die Fläche mit normalen Boardmarkern. Zwar konnte ich das Ergebnis nicht digital weiterverarbeiten, aber eine Verbesserung gegenüber dem Overhead-Projektor war es dank der sehr guten matten und sogar höhenverstellbaren Projektionsfläche allemal. Ergänzt um eine Dokumentenkamera konnte ich damit Dokumente an der Projektionsfläche auf einfache Weise bearbeiten.

Als später drahtlose Projektionen mit AppleTV möglich wurden, rückte das iPad immer mehr in den Fokus des Interesses. Das iPad schien die Lösung, um die mir noch fehlende digitale Weiterverarbeitung zu ermöglichen. Schon früh probierte ich deshalb Stiftlösungen aus, um den Bildschirminhalt handschriftlich zu bearbeiten. Leider waren alle von mir getesteten Eingabestifte wenig brauchbar.

Mit der Vorstellung des iPad Pro und dem zugehörigen Apple Pencil änderte sich das jedoch schlagartig. Ich startete Anfang 2016 mit einem iPad Pro 12.9 und einem Apple Pencil und stellte nach und nach meinen gesamten Informatikunterricht auf diese Kombination um. Etwas lästig waren Gewicht und Größe des iPads, das ich für einen spontanen Einsatz immer dabei hatte. In der Zwischenzeit bin ich deshalb auf das neue mobilere iPad Pro 10.5 umgestiegen. Der grundsätzliche Aufbau in meinem Raum hat sich dagegen nicht mehr verändert:

  • Auf meinem iPad Pro nutze ich GoodNotes zur Bearbeitung von Dokumenten.

  • Alle Arbeitsblätter und Folienvorlagen einer Reihe habe ich stets als PDF-Dokumente aufbereitet, so dass ich sie zu einem großen PDF-Dokument verbinden und in GoodNotes bearbeiten kann. Diese Dokumente bzw. Teile daraus können bei Bedarf exportiert und in einem Schüler-CMS abgelegt werden.

  • Das Bild wird per AppleTV auf einen Nahdistanzbeamer gestreamt. Bei Bedarf geht auch der Ton an speziell dafür montierte Lautsprecher.

  • Als qualitativ hochwertige Projektionsfläche ist das alte Board erhalten geblieben.

Die Grenzen erreiche ich mit diesem Aufbau immer dann, wenn ich im Informatikunterricht einen “echten Rechner” benötige, um Programmierübungen o.ä. direkt in der Software (z.B. in BlueJ) zu besprechen. Zu diesem Zweck steht mir ein iMac als Lehrerrechner zur Verfügung.

Fazit

Eine Lösung mit einem iPad Pro Tablet und einem Apple Pencil ist unschlagbar, wenn es um Mobilität und Flexibilität geht. Die meisten Lehrkräfte dürften hier wunschlos glücklich werden.

Für manche Kollegen werden auch die Hybridansätze von Microsoft (Surface bzw. Surface Pro) interessant sein, da sie zusätzlich die Nutzung des Geräts als Notebook erlauben.